Auf den Doppelpunkt gebracht

Auf den Doppelpunkt gebracht

Es war am dritten oder vierten Tag. Wir sahen uns an und fragten uns zum wiederholten Mal: „worum geht’s denn jetzt wirklich?“ Eine lange Pause entstand. Und dann vergingen wieder einige stürmische Stunden auf dem ruderlosen Segelboot namens Kreativprozess. Als es schon danach aussah, als würde überhaupt nie mehr jemand den Mund aufmachen, platzte einer in die Stille: „Es geht um Gefühle – darum geht‘s!“ Und plötzlich war uns beiden klar, was wir zu tun hatten: Es musste uns irgendwie gelingen, die Emotionen, die während des Lesens von literarischen Texten entstehen, in massentaugliche Bilder umzuwandeln.

Später kann man nie genau erklären, wie es dazu kam, aber irgendwann landeten wir bei jenen niedlichen, schräggestellten Gesichtern aus Satzzeichen, die man gerne am Ende von E-Mails und SMS findet – auch bekannt als „Emoticons“. Es handelt sich dabei um eine Wortkreuzung zwischen „Emotion“ und „Icon“ (engl. für Zeichen) – Gefühlssymbole sozusagen. Damit lassen sich emotionale Regungen wie Staunen, Wut, Bangen, Freude, Neugierde, Zweifeln, genervt oder gelangweilt sein, und sogar weinen vor Lachen ausdrücken. :) 8| X( :‘) :/ ...

„Sobald der Geist auf ein Ziel gerichtet ist,
kommt ihm vieles entgegen.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Plötzlich passte alles wie von Zauberhand zusammen: Das Motto des diesjährigen Literaturwettbewerbs lautete bekanntlich „Trau keinem über 30“, und es war uns von Anfang an ein Anliegen gewesen, auch die Jugend anzusprechen. Dass wir uns dabei einer Code-Sprache aus der jugendlich verknappten E-Mail- und SMS-Kommunikation bedienten, wirkt im Nachhinein schon fast logisch. Die Verwendung von Emoticons erlaubte uns, die Festival-Kampagne ausschließlich auf Satzzeichen aufzubauen und dadurch mit starken, etablierten Symbolen zu arbeiten. Die Beschränkung auf Schwarz und Weiß schien uns als Anlehnung an den klassischen Buchdruck logisch. Assoziationen zur prähistorischen Keilschrift tauchten auf. Als uns dann noch ein Artikel zugespielt wurde, der besagte, dass das Emoticon heuer genau 30 Jahre alt ist, schien sich das Schicksal schon fast bei uns einschleimen zu wollen.

Die Legende will es, dass die Erfindung des Emoticons auf einen gewissen Scoot E. Fahlmann, Student an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh, zurückgeht. Er stellte im damals jungfräulich aufkommenden E-Mail-Verkehr fest, dass sich bei den geposteten Texten auf den Online Bulletin Boards oft nicht eindeutig sagen ließ, ob es sich um ernsthafte Beiträge oder ironische Kommentare handelte. Folglich schlug er seinen Informatik-Kommilitonen vor, Einträge, die nicht ganz ernsthaft gemeint waren, mit diesem Smiley :-) zu kennzeichnen. Das Problem ist 30 Jahre später dasselbe geblieben, das meistverwendete Emoticon auch.

Gerhard Wolf / abart
Richard Steiner / Werkstatt West
Die Grafiker des Literaturfestivals

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20 - 22/ 05/ 2016

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